Was ist Aufklärung über Hygiene? Ein Streifzug von der Aufklärungszeit bis in die Gegenwart – Hans Werner Ingensiep

Das Feld der Hygieneaufklärung hat bis heute eine schillernde Geschichte vorzuweisen, die in der Antike beginnt und sich vor wandelnden wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Kulissen abspielt. Der Philosoph Hans Werner Ingensiep zeichnet diese Geschichte nach. Von seit der Antike verwendeten Aufklärungsmustern der Diätetik oder Sauberkeit, über das kantische Diktum der Aufklärung als „Ausgang aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit“ zum missverstandenen „Helden der Mütter“ Semmelweis und den Anfängen des bakteriologischen Zeitalters mit Pasteur und Koch bis hin zur nationalsozialistischen „Reinigung des Volkskörpers“ wird mit der Aufklärung über Hygiene neben selbiger immer auch Politik, Werbung oder Propaganda gemacht. Die Art der Aufklärung durchläuft dabei verschiedene Stadien. Auf der einen Seite stehen Anprangerungen der Hygienezustände in Berlin zu Kants Zeiten (bezeichnenderweise in derselben Zeitschrift, die seinen berühmten Aufklärungs-Aufsatz enthält), die sich im Nachhinein auf den Leibarzt Friedrichs des II. zurückführen lassen. Weniger anonym und „zurückhaltend“ erscheinen dann Äußerungen von Ignaz Semmelweis und später Robert Koch, die in ihrem jeweiligen Wissenschaftsparadigma aufgehen. Die Nationalsozialsten missbrauchen die Kampfsprache der bakteriologischen Hygieneaufklärung dann für ihre eigenen Zwecke, die in der „Entlausung“ in den Gaskammern der KZs ihr wahres Gesicht zeigen. Bei der Werbung für Hygieneprodukte gehen dann Aufklärung und Vermarktung Hand in Hand, wobei der Weg von der Auf- zur Verklärung hier nicht weit ist. Die vermeintlichen Wundermittel der Wissenschaft werden nach dem zweiten Weltkrieg, in dem unzählige Soldaten durch Penicillin gerettet werden konnten, zum Teil zum Fluch. So versursacht der flächendeckende Einsatz des Schädlingsbekämpfungsmittels DDT in den USA in den 1960er Jahren den „stummen Frühling“ (Carson), in dem dann auch keine Singvögel mehr zu hören sind. Im Zuge der 68er-Generation wird der aggressive Ton der Hygieneaufklärung teilweise entlarvt und das Auftreten von AIDS wird nach anfänglicher Hysterie recht schnell unter sehr viel differenzierteren Gesichtspunkten betrachtet. Heute führt die komplexe Gemengelage zwischen Institutionen, Wissenschaftlern und Medien immer häufiger zu Unsicherheiten bezüglich des Hygieneaufklärungsauftrages und der Aufklärungskompetenz.

Die Betrachtung der Geschichte(n) der Hygieneaufklärung bis in die Gegenwart zeigt Chancen und Gefahren aufklärerischer Bemühungen auf. Ein klarer Aufklärungsauftrag oder ein Wissensmonopol, das diesen begründet sind einerseits schwer auszumachen, während sich gleichzeitig auch historische Bedenken hinsichtlich eines solchen Monopoles einstellen. Kulturelle und religiöse Unstimmigkeiten bezüglich der Hygienepraxis mischen sich mit wissenschaftlichen, rechtlichen und medialen Diskursen und machen zum einen den Blick auf die Fakten nicht klarer, zum anderen führen sie die Notwendigkeit einer interdisziplinären Herangehensweise an das Thema „Hygieneaufklärung“ vor Augen.

Der Volltext zu dieser Zusammenfassung findet sich in:                                                                                                          Ingensiep, H.W. / Popp, W. (Hrsg.): Hygiene-Aufklärung im Spannungsfeld zwischen Medizin und Gesellschaft. München/Freiburg: Alber-Verlag 2016.

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